Gedanken für den 17.11.2017

Der Heinzie

Er ging mit uns zur Schule, und unsere Väter waren alle Bergarbeiter. Aber der Heinzie hatte es schwer mit uns. Er hatte einen Buckel und lernte schwer. Er kam bald in die Sonderschule, die wir verächtlich "Brettergymnasium" nannten. Er wurde ausgelacht und sogar getreten. Wir machten seinen Gang nach und seine langen Arme, die nicht wussten, wohin. Da auch etwas mit seiner Sprache nicht stimmte, ahmten wir ihn nach, und wer es am besten konnte, bekam Beifall. Ich schäme mich noch heute dafür. Nach der Schule hörte ich nichts mehr von ihm. Ich wurde Soldat und geriet in Gefangenschaft. Als ich zurückkam, schlug ich mich mit Jobs durch. Beim CVJM fand ich einen neuen Sinn in meinem Leben und wurde Mitarbeiter. Und eines Tages traf ich Heinzie auf der Straße. Ich wollte an ihm vorbeieilen, aber er sah mich so traurig an, dass ich stehen blieb. Er sagte: "Ich freu‚ mich, dass du gesund aus dem Krieg zurück bist." - "Ja, ja", knurrte ich und trat von einem Fuß auf den anderen. "Ich hab’ gehört, du bist jetzt bei den Frommen - ist besser als die Hitlerjugend früher."
"Ja, ja", knurrte ich. "Meinst du, ich könnt‚ auch zu den Frommen kommen?" fragte er. "Ja, ja", sagte ich wieder - weiter fiel mir nichts ein. Er erschien dann im CVJM. Sonst gab ich immer damit an, welche Typen ich da anschleppte. Aber den Heinzie ließen wir alle links liegen. Doch Heinzie war immer da, saß am Tisch und sagte kein Wort. Er war so ein Stück Mobiliar geworden. Aber auf einmal war er nicht mehr da. Fiel uns erst gar nicht auf. Wochenlang erschien er nicht. Da haute mich der Vorsitzende an: "Hör mal, der Heinz wohnt doch da oben bei euch. Erkundige dich doch mal, was los ist." Ich traf seine Mutter an. Die war ganz traurig. "Der Heinzie ist im Krankenhaus. Er war ja schon immer schwach, auch das Herz, aber jetzt geht es zu Ende." Schlechten Gewissens fragte ich nach dem Krankenhaus und besuchte ihn. Die Schwester sah auch traurig aus. Aber sie freute sich über meinen Besuch. "Sonst kommt nur die Mutter, und die weint." Da lag der Heinzie. Ganz bleich und dünn. Er konnte kaum noch reden. Doch er lächelte. Er hielt meine Hand fest. "War schön bei euch", sagte er, und: "Du warst immer so gut zu mir." Ich schämte mich. Heinzie sagte: "Kannste noch mal kommen und die Bibel lesen?" Das tat ich. Noch zwei Tage, dann starb Heinzie. Die Schwester sagte: "So wie er ist selten einer bei uns gestorben. So einen Glauben - wenn ich den nur auch hätte!" - "Das hab’ ich noch gar nicht gesehen an ihm", sagte ich.
Am Grab sollte ich für unsere Gruppe etwas sagen. Ich sagte alles, und alle schämten wir uns. Aber ich sagte auch: "Der Heinzie - Liebe hat er gebraucht. Aber er hat nicht immer Liebe gekriegt. Doch er lebte und starb in Gottes Liebe und war ein Vorbild im Glauben. Wir alle brauchen die Liebe Gottes." Dann rannte ich weg.
(Fritz Pawelzik)

Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist. Und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt.
1.Korinther 1,27f




Aus Axel Kühner: Eine Gute Minute,
© Aussaat-Verlag, D-Neukirchen-Vluyn.
ISBN: 3-7615-1571-5

Quelle: www.miriam-stiftung.de